Grüße von Bord (2026)
Liebe Seefrauen,
heute ist mein erster Urlaubstag und ich lasse die letzten Wochen Revue passieren. Es war wieder ein sehr guter Einsatz in Nord- und Ostsee, wenn auch vergleichsweise anstrengend. Innerhalb kürzester Zeit wurde der zweite Managementwechsel an Bord durchgeführt, wodurch viel zusätzlicher Papierkram entstand und die Klasse erneut an Bord kommen musste, um alle Änderungen zu überprüfen und zu bestätigen.
Nun ergab es sich, dass wir an Bord dieses Mal Unterstützung aus dem Büro erhielten. Dafür kam unsere Nautische Superintendin (ebenfalls ehemals zur See gefahren) in Begleitung von Judith an Bord, die gerade im Büro aushilft. Ich war begeistert, als ich vorab bereits mitbekommen habe, dass Judith von den Frauen zur See zu Besuch kommen wird und habe die Neuigkeit an Bord verbreitet und Werbung für unseren Verband gemacht. Interessanterweise ergaben sich dadurch auch ein paar merkwürdige Gespräche, in denen sich die Weltsicht einiger Kollegen herauskristallisierte. Zum Beispiel bei dem Hinweis, dass ein solcher Verband ja diskriminierend auf Männer wirken würde, wenn Frauen sich vernetzen. Etwas befremdlich war mir diese Vorstellung, da es doch bereits genügend Netzwerke gibt, in denen Männer sich gegenseitig protegieren.
Judith und ich haben uns so zum ersten Mal persönlich getroffen und konnten direkt intensive Gespräche führen über unsere Erfahrungen, die verschiedenen Schiffe, die Unterschiede von Reisen in Nordeuropa und Asien, die Routenplanung und auch persönliche Erfahrungen aus unserer Seefahrzeit. Besonders spannend fand ich den Unterschied, dass wir an Bord sehr vieles bereits digitalisieren konnten, während für asiatische Häfen das Ausdrucken der verschiedenen Unterlagen unerlässlich bleibt. Oder der Hinweis, dass Pflanzen an Bord in einigen Gegenden nicht mehr erlaubt sind, aus Angst für invasiven oder schädlichen Mitbringseln in die jeweilige Region. Auf letzteres Thema kamen wir, weil wir im Schiff relativ viele Zierpflanzen verteilt haben, und hinter der Brücke ein Mini-Gemüse und Kräuterbeet in Blumenkästen angelegt ist, der von den zweiten Offizieren gut versorgt wird und in dem zur Zeit Tomaten und Chilis reifen, sowie Knoblauchkraut und Currykraut blühen. Es hat mich riesig gefreut, dass wir uns auf professioneller Ebene getroffen haben, es aber auch genügend Zeit gab sich privat auszutauschen. Generell finde ich diese Art von unkomplizierter Kommunikation absolut bereichernd und es freut mich, dass wir miteinander arbeiten und voneinander lernen können.
Natürlich fiel auf genau dieselben Tage in Polen noch der Service für unsere GMDSS Geräte an Bord. Und auch hier kam eine junge Frau in Begleitung zweier Kollegen an Bord, die sich um unsere Gyros kümmerten. Alle auf Brücke versammelt (dort befindet sich auch unser Ship's Office) konnte sich der eine Service Techniker nicht verkneifen erstaunt festzustellen, dass auf diesem Schiff überraschend viele Frauen arbeiten würden. Und seine Kollegin verriet mir später, dass sie es toll fand auf einem Schiff endlich mal auf weibliche Offizierinnen zu stoßen. Diese Freude hat mir gezeigt, dass wir immer noch Blickwinkel und Stereotype aufbrechen, allein durch unser Präsentsein in der jeweiligen Position an Bord. Dies wurde mir auch in einem anderen, nordeuropäischem Hafen gespiegelt.
Im Juli haben wir einen neuen Hafen in unsere Rotation aufgenommen und sind nun zum ersten Mal nach Schottland gefahren. Dundee liegt oberhalb von Edinburgh auf der Ostseite Großbritanniens. Landschaftlich ein absoluter Traum, wobei uns gleich vermittelt wurde, dass das sonnige Wetter dort oben eher eine Ausnahme sei. Dennoch konnten wir das wunderbar genießen und wegen zu viel Winds, was einen Stopp der Löschoperationen bedeutete, sogar die Gegend erkunden. Auf der linken Seite Fahrrad zu fahren lief super gut, bis zum aller letzten Abbiegen vor dem Gate, da verfiel ich doch in die eingeübten Muster und kam auf der falschen Straßenseite heraus.
Beim Ablegen hatten wir Linesmen von Landseite (das ist erwähnenswert, weil wir häufig unsere eigenen Linesmen beim An-und Ablegen stellen), und da es bereits Mitternacht war und Dundee ein kleiner, familiärer Hafen, wurden die Männer mit einem privaten Auto vorgefahren. Kurz nachdem wir also die Leinen losgeworfen hatten, gingen die Linesmen zurück zu ihrem Auto, sprachen kurz mit ihrer Fahrerin, die sich daraufhin aus dem Fenster lehnte und mir dann jubelnd zurief "You are a Queen". Vermutlich hatten die Männer ihr mitgeteilt, dass dort auf Manöverstation eine Frau gerade das Kommando führt. Ich musste sehr grinsen, und hab mich des (britisch angehauchten) positiven Zurufs sehr gefreut und gepusht gefühlt, dass wir auch hier die eingeübten Sichtweisen aufbrechen konnten.
Doch damit nicht genug, war dieser Einsatz doch geprägt von weiblichem Austausch und Begegnungen. Mit unserem Schiff zwischen Nord- und Ostsee pendelnd, konnte ich Miriam live im Nord-Ostseekanal funken hören, als sie ein Schiff in die Schleuse gefahren hat, und wir gerade aus der Schleuse herauskamen, um die lange Fahrt in Richtung Brunsbüttel wahrzunehmen. Ein toller Moment, in dem ich gemerkt habe, wie schön ein solches Netzwerk sein kann. Nebenbei erfuhr ich dann noch, dass im NOK demnächst eine Aspirantin ihre Prüfungen ablegt, die ich zum Anfang meiner Karriere als neue Auszubildende an Bord eines Containerschiffes betreuen durfte. Damit aber noch nicht genug, hat eine Freundin von mir in Cuxhaven zu frühester Morgenstunde unser Schiff vorbeifahren sehen und tolle Fotografien erstellt, auf denen sie meinte, dass unser Schiff aussähe wie ein U-Boot. Ein Foto seht ihr hier.
Was war also noch los in den letzten Wochen? Seit der Kielkanal-Durchfahrt waren wir nun insgesamt zwei weibliche Besatzungsmitglieder an Bord. Eine Elsflether Kadettin im zweiten Praxissemester hat unsere Mannschaft verstärkt und sich, nach anfänglichen Startschwierigkeiten, ganz gut eingelebt. Für mich war diese Erfahrung insofern bereichernd, als dass es mich gelehrt hat, wie man Personen an Bord noch rechtzeitig auffangen kann und im Rahmen der Führungsebene auf die Menschen um sich herum achtgeben muss. Das Schwierige ist es dabei die Sorgen und Bedürfnisse der jeweiligen Person wahrzunehmen, auf diese zu reagieren, und dann zu sehen wie diese mit dem allgemeinen Schiffsbetrieb unter einen Hut zu bekommen sind. Durch das hervorragende, und offene Zusammenarbeiten des Brückenteams war dies in jedem Fall eine gute Erfahrung, auch wenn sie für alle Beteiligten zu einer Woche an mentalem Stress geführt hat.
Meine Einsätze sind normalerweise ca. sechs Wochen lang, und während ich nun so das Erlebte niederschreibe, merke ich doch, wie viel in diesen Wochen geschehen kann. Wieder angekommen in unserem Stammhafen in Dänemark, konnten wir noch einen Abend entspannen bevor am nächsten Tag die Ladeoperationen losgingen. Dies war wiederum dem Wind zu verdanken und den Windlimits der Kräne. Dank der guten Vernetzung meiner Besatzung zu Kollegen, hat es sich ergeben, dass eine ehemalige Kadettin von uns (nun Dritte Offizierin) abends noch bei uns vorbeikam, zum Wiedersehen, und auf einen gemütlichen Plausch und Austausch unter Kolleg:innen. Was ein sehr netter und lustiger Abend wurde, hat sich dann am nächsten Tag noch zu einem "Betriebsausflug" entwickelt. Eingeladen durch die Dritte Offizierin durften wir in der Mittagspause ihr Schiff besuchen und haben eine Tour bekommen. So konnten wir vergleichen, wie ähnliche Ladung auf einem anderen Schiffstyp verladen, gelascht und transportiert wird. Vor allem im Unterschied Deckscarrier vs. Laderaum mit faltbaren Lukendeckeln sowie Stabilitätsponton.
Auf dem deutsch-geflaggten Schiff, noch bei der Sitas Werft 2008 in Deutschland gebaut, hat mich die Brücke an meine Zeit als Kadettin erinnert. Die Schiffe auf denen ich dort damals fuhr, kamen aus einem ähnlichen Jahrzehnt, ebenfalls in Deutschland gebaut und hatten eine typisch-burgunderrote Farbgebung im Brückenlayout.
Natürlich kam im Verlaufe des gegenseitigen Austausches auch die Sprache auf die Erfahrung mit unseren männlichen Kollegen und Schwierigkeiten einiger Nationalitäten, die weiblichen Kollegin an Bord als vollwertiges Mannschaftsmitglied ernst zu nehmen. Daraufhin habe ich direkt nochmal Werbung für unseren Verband gemacht, zum Austausch und für die Vernetzung untereinander. Mir blieb dabei besonders in Erinnerung, wie wir uns vor einiger Zeit mal im WhatsApp Chat dazu ausgetauscht haben, wie andere Frauen Probleme mit Vorgesetzten fachlich und persönlich gelöst haben. Diese vielen, verschiedenen Rückmeldungen stärken einem den Rücken, wenn es an Bord noch nicht so rund läuft, wie man es sich wünschen würde. Kurzum, ich hoffe, dass wir bald ein neues Mitglied bei uns im Verband begrüßen dürfen.
Abschließend lässt sich sagen, dass ich auf dieser Reise wirklich viel gelernt und gesehen habe und die persönliche, wie fachliche Vernetzung als sehr positiv erfahren durfte. Ich bin ehrlich begeistert davon, dass wir Frauen uns gegenseitig unterstützen und unsere Erfahrungen teilen, wodurch wir voneinander lernen können. Die Netzwerke, die wir dadurch aufbauen, sind eine Hilfe im Alltag und geben einem das Gefühl von Zusammenhalt, auch wenn es mal schwierige Zeiten an Bord gibt. Nun genieße ich meine freie Zeit zuhause, und blicke schon gespannt auf meinen nächsten Einsatz Anfang Oktober. Wer weiß, wem ich dann alles begegnen werde.
